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Heinrich Anton Leichtweiß
- Legende und Fakten

Die Geschichte der Familie Leichtweis begann vor einigen hundert Jahren. Die interessantesten historischen Aufzeichnungen stammen wohl aus der Zeit um 1750.

Bemerkenswert sind vor allem die Legenden vom Räuber Heinrich Anton Leichtweiß in seiner Räuberhöhle, die ein typisches Produkt ihrer Zeit sind. Die große Epoche des Absolutismus mit ihrer fürstlichen Willkürherrschaft neigte sich zu der Zeit gerade dem Ende zu. Die Not des einfachen Volkes war groß. Dem damaligen Drang, nach der Verherrlichung des Heldentums, liegt das romantische und realitätsferne Natur- und Lebensgefühl der damaligen Zeit zugrunde. Deshalb waren Räuberromane zu dieser Zeit sehr populär. Man sah in den Helden dieser Romane Kerle, die das zu verwirklichen wagten, was man selbst nur als geheime Sehnsucht im Herzen trug; die sich das Unrecht von Seiten der Herrschenden nicht gefallen ließen und dafür das Risiko auf sich nahmen, eines Tages am Galgen zu enden.

Wie weit die Ausstrahlungskraft der Leichtweiß-Geschichten reichte, dokumentiert ein Beitrag aus einer Leipziger Zeitung von 1880, in der über das schon damals beliebte Ausflugsziel, die Leichtweißhöhle berichtet wurde: "...In dieser Felsenhöhle tief unter der Erde hat der berühmte und berüchtigte Heinrich Anton Leichtweiß, der verwegene Räuber und Wildschütz des Rheinlandes, gehaust. Noch heute strömen alle Fremden, welche den Kurort Wiesbaden besuchen, hinaus zur Leichtweißhöhle, zu der geheimnisvollsten Räuberhöhle der Welt..."

Das tatsächliche Leben von Heinrich Anton Leichtweiß sah freilich etwas anders aus. Der Heimatforscher Walter Czysz macht in seinem Buch deutlich, dass der dem aus dem Taunus stammende Handwerker, der nach Dotzheim kam, wahrscheinlich eher das Opfer der intriganten Dorfgemeinschaft und vor allen Dingen der Justizwillkür wurde. In der nach ihm benannten Höhle hat er sich nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus versteckt. Die versteckte Höhle wurde wohl durch Holzfäller 1791 entdeckt, die durch aufsteigenden Rauch auf sie aufmerksam geworden waren. Der "Räuber Leichtweiß" war jedoch gerade nicht da, nur seine Laterne, die von einem Filzhut bedeckt war.

Sein Mythos beflügelte die damalige Gesellschaft vom Räuber, Ritter und Liebhaber. Die Leichtweißhöhle bei Wiesbaden diente jedoch nicht als Unterschlupf für die ihm untergebene Räubertruppe und als Lager zur Hortung des Diebesgutes. Er hatte sich vielmehr hier für etwa zwei Jahre zeitweilig vor den Unbilden des Wetters und den Nachstellungen der fürstlichen Forstjäger in Sicherheit gebracht. Die Höhle wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer touristischen Attraktion ausgebaut.

Leichtweißhöhle damals und heute
Quelle: www.wiesbaden-photos.com

"Ein Engel landet im Zuchthaus"
Ungewöhnliche Kriminalfälle: Das Schicksal von "Räuber Leichtweiß"
Ein Bericht von Ingeborg Toth vom 02.12.2005 erschienen im Wiesbadener Tagblatt.

Als Wiesbaden 1744 Regierungssitz des Fürstentums Nassau-Usingen wurde, hat die Stadt so "manchen jungen Mann aus dem Nassauer Hinterland in ihren Bann gezogen", schreibt Walter Czysz. So auch Heinrich Anton Leichtweiß, der Dotzheimer Neubürger wird und am 20. September 1757 Christiane Louise Nicoley, Tochter eines Schultheißen, heiratet. Das Paar lebt mit zwölf Kindern, von denen einige früh sterben, in dem 300-Seelen-Dorf. Leichtweiß ist Wirt des Gasthauses "Zum Engel", in dem sich auch das Backhaus der Gemeinde befindet. Belege für seine Tätigkeit als Gemeindebäcker liefern Abrechnungen, die im Hessischen Hauptstaatsarchiv aufbewahrt werden.

Der Autor schreibt: "Die Gemeinderechnungen lieferten zugleich ein getreues Abbild der Jahre des Siebenjährigen Krieges, die durch ständige Einquartierungen durchziehender kaiserlicher und französischer Truppen in den Gasthäusern des Dorfes gekennzeichnet sind." Beim Engelwirt werden mit Abstand die meisten Offiziere und Soldaten einquartiert.

Leichtweiß, der Ortsfremde, der die Tochter des wohlhabenden Bürgermeisters geheiratet hat, war manchem ein Dorn im Auge, vermutet Walter Czysz. Zumal er es zu Wohlstand brachte. Im Jahr 1788, Leichtweiß ist 65, besitzt er Äcker, ein Haus und die Wirtschaft - insgesamt ein schuldenfreies Vermögen von 4 000 Gulden. Leichtweiß ist auch als Gemeinde-Gelderheber tätig, später gesteht man ihm sogar den Titel "Herrschaftlicher Gelderheber" zu. Er zieht Gelder für die Kasse der Herrschaft ein.

Walter Czysz: "Alles schien in bester Ordnung - bis zu jenem verhängnisvollen Tag im April 1788." Leitweiß wird unterstellt, er sei in den Schuppen eines Anwesens "des Conrad Höhnen" eingebrochen. Ein Einbruch, für den es keine vernünftige Erklärung gibt. Was hätte der wohlhabende Herrschaftliche Gelderheber wohl stehlen sollen? Leichtweiß wird am 1. Mai 1788 in das Unsere Serie Zuchthaus am Michelsberg eingeliefert.

Ein solcher Fall hätte vor dem Oberamt verhandelt werden müssen. Das Hofgericht, eigentlich Berufungsinstanz, zog ihn an sich. Autor Czysz vermutet, auf Weisung des Fürsten Karl Wilhelm. Nach dem Vorwurf des versuchten Einbruchdiebstahls wird die Anklage um "Wilddieberei" erweitert. Leichtweiß macht sich durch "hartnäckiges Leugnen" nicht nur höchst verdächtig, man sieht ihn auch als "beinahe überführt" an.

Fürst Klar Wilhelm von Nassau-Usingen, der im Schloss zu Biebrich residiert, schreibt sein Urteil eigenhändig auf die Akte des Hofgerichts. In seinen Augen ist Leichtweiß "gewiss ein Wilddieb oder ein Wildbretsverkäufer". Er müsse in Wiesbaden an den Pranger neben der Rathaustreppe gestellt werden. Und habe ein Jahr im Zuchthaus zu schmoren.

Walter Czysz verweist darauf, dass das Urteil in einer Zeit fiel, in der Jagdfrevel im Fürstentum immer weitere Kreise zog: Angestachelt durch die Vorgänge im vorrevolutionären Frankreich wurden die Bauern zunehmend zu "Wilderern". Sie ließen es sich immer weniger gefallen, dass sie ohnmächtig zusehen mussten, wie das Wild in ihre Felder einbrach und ihre Ernte schädigte. Der von Jagdleidenschaft besessene Fürst hat in den 1780er Jahren mehrere Prozesse gegen Wilderer angestrengt. Leichtweiß wurde ein Opfer dieser Kampagne.

Der Angeklagte erfuhr von dem Urteil im Zuchthaus, nachdem er dort schon einige Monate gesessen hatte. Nach seiner Entlassung am 30. Oktober 1789 kehrte er nicht mehr zu seiner Familie nach Dotzheim zurück. Er nahm zu seiner Frau und seinen Kindern nie mehr Verbindung auf, sondern hat wohl mit seinen 66 Jahren ein "unstetes Leben" in den Taunuswäldern geführt.

Walter Czysz: "Eine anfangs nicht als solche erkannte Spur fanden Waldarbeiter eineinhalb Jahre später am Himmelfahrtstag 1791 im hinteren Nerotal." Sie stießen unterhalb des Rabengrundes, dicht am Bach, auf eine Höhle - Unterschlupf eines Wilddiebes. Es fand sich dort eine "Diebslaterne", ein durch einen Filzhut abgedecktes Licht.

Das Schicksal ereilte den Flüchtling, als er im November 1791 im hessischen Amt Bergen aufgegriffen wurde. Was nun geschah, kann für absolutistische Willkürjustiz stehen. Das hessische Amt Bergen verzichtete auf eine Strafverfolgung. Leichtweiß wurde ins Zuchthaus nach Wiesbaden zurückgebracht, ein Selbstmordversuch verhindert. Er soll erklärt haben, dass er lieber sieben Leben verlieren wolle, als an diesen schrecklichen Ort zurückzukehren. Es fand keine weitere Gerichtsverhandlung statt, weder vor dem Criminal- noch vor dem Hofgericht. Der absolutistische Herrscher löste das Problem am 29. Februar 1792. Der Herzog schrieb: Der Leichtweiß sei ein durch "eigene Schuld ins Elend geratener Spitzbub", so verzweifelt, dass er sich den Tod wünsche. "Aber zu wollüstig oder zu furchtsam wie ein jeder Spitzbub ist, sonst hätte er sich besser als er getan, stechen können." Selbst seine Familie wünsche, dass "er lebenslänglich arrestiert bleiben möge". Für diese Behauptung gab es keinen Anhaltspunkt.

Heinrich Anton Leichtweiß erfuhr nicht, dass er nach dem Willen des Fürsten bis zu seinem Tode im Kerker bleiben sollte. Monat für Monat steht in dem säuberlich geführten Aufsichtsbuch des Zuchthauses: "Verbrechen: pro furti" - wegen Diebstahls. Unter der Rubrik "Auf wie lange?" hieß es: "Steht noch in der Inquisition." Bis zuletzt lebte Leichtweiß in dem Glauben, es werde ein ordentliches Gerichtsverfahren geben, das seine Schuldlosigkeit feststellt.

Der wohlhabende Engelwirt aus Dotzheim war ein gebrochener Mann. Nach Auskunft der peinlich genau geführten Strichlisten der Zuchthaus-Verwaltung nahm seine Arbeitsleistung stetig ab. Statt der vierzig oder mehr Stränge Flanellgarn lieferte er nur noch zehn oder elf ab. Ab Mai 1792 findet sich unter "Arten der Arbeit" Monat für Monat die Eintragung: "Sitz besonders und arbeitet nicht." Er brütet nur noch dumpf vor sich hin, nimmt Autor Czysz an. Im Alter von 70 Jahren ist Leichtweiß im Zuchthaus gestorben.

Seine Beerdigung kostete drei Gulden und 14 Albus (Weißpfennige). Davon entfielen auf den Sarg zwei Gulden. Die beiden Gefängniswärter erhielten "für die letzte Aufmachung, Grabmachen p.p.8 einen Gulden 15 Albus". Begraben wurden Leichtweiß auf dem Schulberg außerhalb der Mauern des städtischen Friedhofs. Der Autor: "Da die Criminal-Casse die Bezahlung der Rechnung übernahm, war wohl das früher ansehnliche Vermögen des Heinrich Anton Leichtweiß für Gerichts- und sonstige Verfahrenskosten restlos aufgebraucht worden."

Quelle: Wiesbadener-Tagblatt.de

 
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